Die Bundesregierung plant, zum 1. Januar 2026 die sogenannte Aktivrente einzuführen.
Danach sollen Rentnerinnen und Rentner, die bereits die Regelaltersgrenze erreicht haben und weiterhin arbeiten, bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen dürfen. Das berichtete unter anderem die Frankfurter Rundschau im Oktober 2025.
Was auf den ersten Blick nach einer sinnvollen Entlastung für ältere Berufstätige aussieht, sorgt unter vielen Rentnerinnen und Rentnern für Unbehagen. Denn die Regelung stärkt vor allem jene, die noch fit und beruflich gefragt sind – und lässt andere, die auf ihre Rente
angewiesen sind, außen vor.
Zwei Klassen unter den Rentnern
Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) waren im März 2025 bereits 742.410 Rentnerinnen und Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen – das entspricht einem neuen Höchststand (Quelle: Welt, 7. März 2025). Viele weitere kommen mit Renten von teils unter 1.400 Euro im Monat kaum über die Runden. Trotz jahrzehntelanger Arbeit reicht die gesetzliche Rente für viele kaum aus, um Miete, Energie und Lebenshaltung zu decken.
Wenn der Staat nun jene belohnt, die im Ruhestand weiterarbeiten können, entsteht leicht der Eindruck, dass diejenigen, die nicht mehr können oder dürfen, abgewertet werden. Ihre Rente wirkt im Vergleich fast wie ein Almosen, während andere steuerfreie Zusatzeinkünfte erhalten.
So droht eine Zweiklassen-Rente: Auf der einen Seite die „Aktiven“, die weiterarbeiten und profitieren – auf der anderen Seite diejenigen, die auf Unterstützung angewiesen sind, obwohl sie ihr Arbeitsleben längst geleistet haben.
Wer profitiert wirklich?
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kam in seinem Wochenbericht/2025 zu dem Ergebnis, dass vor allem besserverdienende Rentnerinnen und Rentnervon der Aktivrente profitieren. Sie hätten die gesundheitlichen und beruflichen Voraussetzungen, um im Ruhestand weiterzuarbeiten – und könnten durch die Steuerbefreiung deutlich mehr Geld behalten.
Auch Arbeitgeber dürften profitieren. Nach Angaben der Zeit (Ausgabe Oktober 2025) solen Beschäftigte im Rentenalter, die sozialversicherungspflichtig angestellt bleiben, bis zu 2.000 Euro steuerfrei verdienen dürfen. Damit verringern sich die Abgaben für Arbeitgeber erheblich, was die Regelung vor allem für Unternehmen attraktiv macht. Doch genau hier liegt das Problem: Statt die Renten für alle zu verbessern, subventioniert der Staat faktisch Lohnkosten, indem er Steuererleichterungen für eine bestimmte Gruppe
gewährt. Wie die taz berichtete, rechnet das Finanzministerium mit Mindereinnahmen von rund 0,8 bis 0,9 Milliarden Euro jährlich durch die Aktivrente.
Ausgenutzt statt wertgeschätzt
Viele ältere Menschen engagieren sich bereits heute ehrenamtlich – in Vereinen, Nachbarschaftsprojekten oder in der Pflege von Angehörigen. Diese Arbeit geschieht unbezahlt, aber mit großem gesellschaftlichem Wert. Wenn nun staatliche Vorteile an diejenigen vergeben werden, die im Alter gegen Bezahlung weiterarbeiten, fühlen sich viele von uns übergangen.
„Ich habe 45 Jahre gearbeitet, bin jetzt ehrenamtlich aktiv – und trotzdem wird nur der belohnt, der wieder auf dem Arbeitsmarkt auftaucht“, sagt etwa eine 74-jährige Berlinerin, die im Seniorenbüro mitarbeitet.
Damit entsteht leicht das Gefühl, dass unsere Leistung – ob im Ehrenamt oder in der familiären Unterstützung – weniger zählt als eine steuerfreie Anstellung.
Ein Eingriff ins Lohngefüge
Darüber hinaus kann die Aktivrente das Lohngefüge verzerren.
Wie die Welt am 15. Oktober 2025 berichtete, können Arbeitgeber ältere Beschäftigte künftig günstiger halten, da auf deren Einkommen keine Steuern mehr fällig sind. Das bedeutet: Der Bruttolohn bleibt zwar gleich, aber die tatsächlichen Kosten für den Ar-
beitgeber sinken. Damit entsteht eine Ungleichbehandlung: Für den gleichen Job sind ältere, steuerbefreite Beschäftigte für Unternehmen finanziell attraktiver als jüngere Arbeitnehmer.
Das kann Druck auf Tariflöhne ausüben und das allgemeine Lohnniveau nach unten beeinflussen – eine Entwicklung, die besonders Jüngere und Geringverdienende trifft.
Arbeiten bis zum Umfallen – ein falsches Signal.
Die Idee, Arbeit im Rentenalter steuerlich zu belohnen, vermittelt ein gesellschaftlich fragwürdiges Signal:
Arbeit wird zunehmend zum Maßstab für Anerkennung, selbst im Alter. Wenn Politik und Wirtschaft Arbeit über alles stellen, verliert die Rente ihren ursprünglichen Sinn – nämlich eine sichere und würdevolle Lebensphase nach jahrzehntelanger Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Die Gefahr besteht, dass sich die Botschaft durchsetzt: Nur wer weiterarbeitet, ist „wertvoll“.
Wer Ruhe braucht, krank ist oder einfach genug gearbeitet hat, gerät in Rechtfertigungszwang.
Was wirklich nötig wäre
Anstatt neue Steuerprivilegien für einen kleinen, gesunden Teil der Rentner zu schaffen, sollte der Staat die Basisrenten stärken – insbesondere für Menschen mit geringen Einkommen oder unterbrochenen Erwerbsbiografien. Nach Daten der Plattform sozialpolitik-aktuell.de lag 2024 rund ein Fünftel aller neuen Altersrenten unter 600 Euro im Monat – ein erschreckender Wert in einem reichen Land.
Auch Ehrenamt und Pflegearbeit im Alter sollten besser anerkannt werden, etwa durch zusätzliche Rentenpunkte oder steuerliche Entlastungen. Das wäre eine echte „Aktivrente“ – eine, die gesellschaftliche Aktivität belohnt, nicht nur
Erwerbsarbeit.
Fazit: Aktiv ja – aber gerecht
Niemand bestreitet, dass viele ältere Menschen gerne weiterarbeiten. Erfahrung, Wissen und soziale Kompetenz sind wertvoll für jede Gesellschaft. Aber eine Politik, die nur diesen Teil der Rentner belohnt und die Mehrheit außen vor lässt, schafft neue Ungerechtigkeiten.
Wie der Finanzminister von Hessen, Michael Crumbach, gegenüber der Welt sagte, sei die Aktivrente in ihrer jetzigen Form „unsozial“, weil sie vor allem „Besserverdienende und Arbeitgeber entlaste“.
Und damit hat er recht: Ohne flankierende Maßnahmen droht die Rente für viele zum bloßen Grundbetrag zu werden – während die Aktivrente zur stillen Abwertung der Lebensleistung ganzer Generationen führt.
Quellen (im Text genannt):
Statistisches Bundesamt (Destatis), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Die
Zeit, taz, Welt, Frankfurter Rundschau, sozialpolitik-aktuell.de, Bundesregierung.de (Ge-
setzentwurf Aktivrente 2026), Oktober 2025.
Berlin im Nov 2025
Ursula Schade
(Vizepräsidentin)