Festrede anläßig des Geburtsempfang in Berlin
Trude Unruh wäre in diesem laufenden Jahr 2025 am 7. März 100 Jahre alt geworden. Sie hat es aber nur bis Ende 2021 auf dieser Welt ausgehalten.
Ziemlich zur Halbzeit ihres Lebens hat sie unter dem Motto „Fröhlichkeit und Politik“ mit einer Gruppe sozial engagierter Menschen in Wuppertal einen „Senioren-Schutz-Bund“ gegründet, der schnell Bundesrepublik-weit Zulauf erhielt, da die Schwierigkeiten, alte Menschen würdig zu versorgen in allen Bundesländern gleichermaßen zu Tage traten.
Diese ungebärdigen und kämpferisch auftretenden Alten, die mit beschissenen Betttüchern als Transparente vor Pflegeheimen gegen die unwürdige Versorgung der aller Rechte beraubten Bewohner:innen protestierten, erhielten alsbald von den Medien, allen voran der Presse, den Aktionsnamen „Graue Panther“ in Anlehnung an die grade in den USA aktive
Black Panther / Schwarze-Panther-Protestbewegung
Eine Jahres-Mitgliederversammlung des „Senioren-Schutz-Bund“ beschloss daraufhin, diese „Ehrenbezeichnung“ in den Vereinsnamen mit aufzunehmen.
Fünfzig kämpferische Jahre lagen also schon hinter Trude Unruh, die als gebürtige Essenerin als junges Mädel im Sekretariat der Waffenschmiede Krupp die Auslagerung nach Breslau mitmachte, für ihr „loses Maul“ damit bestraft wurde, nach Fliegerangriffen „Köppe von Todesopfern einzusammeln“ (Originalton Unruh) und der letztlich mit einem Fahrrad die Flucht nach Niedersachsen gelang. Mit ihrem kriegsversehrten Ehemann erlebte sie die Teilhabe am westdeutschen Wirtschaftswunder und konnte in verschiedenen politischen Parteien und Aktionsbündnissen Erfahrungen sammeln, wie man gesellschaftliche Prozesse anstoßen kann.
Aufgrund dieses Erfahrungsschatzes sollten die knapp formulierten Ziele des Senioren-Schutz-Bund (SSB) „Graue Panther“ e. V. sein
Aufklärung von Unwissen
Schutz vor Willkür
Befreiung von Bevormundung
und
von den Mitgliederversammlungen der vielfältig entstehenden Außenstellen des SSB überall im
Land diskutiert und in spezifische einzelne Forderungen gefasst und abgestimmt werden. Danach – so Trude Unruh – müsse man Verbündete suchen, die auf politischer Ebene mitziehen, diese Reform-orientierten Forderungen zu verwirklichen.
Das Thema „unwürdige Versorgung stationär zu versorgender Menschen, in der Mehrzahl alter Menschen“ wurde Trude Unruh sozusagen in der eigenen Familie vor die Füße gelegt, als eine
Freundin ihrer Schiegermutter als Pflegefall regelrecht aus dem gesellschaftlichen Umfeld verschwand. Die zu Hilfe gerufene Trude spürte nicht nur die alte Dame auf und erforschte die
Möglichkeit für Besuche sondern sie erkannte das Ausmaß des Skandals schon an diesem singulären Fall:
… Kein gesetzliches Vertretungsrecht für mündige Erwachsene, die in
Notsituationen keine Entscheidungen für sich selbst treffen können
… Keine Selbstbestimmung im Alter, bei Pflege keine Teilhabe mehr
… Keine Generationengerechtigkeit:Ausspielung von Jung gegen Alt
… Keine Mitsprache bei der Pflege und bei Heimrechten
Nach der damaligen Gesetzeslage wurden „aufsässige“ alte Menschen „entmündigt“ und hatten
dann keinerlei Mitspracherechte mehr bei ihren eigenen Lebensangelegenheiten Da war viel zu
tun!
Der Senioren-Schutz-Bund wurde mit seinen bundesweiten Außenstellen zur Graue-Panther-Bewegung, was in örtliche selbständige Vereine mündete, die bundesweit von einem Dachverband, dem Bundesverband Graue Panther e. V, vertreten wurden, der fortan die Kampagnen der selbständigen e.V. begleitete. Bis ins 85. Lebensjahr (2010) war Trude Unruh die Vorsitzende. Die Schwerpunkte waren:
… Vorrang von ambulanter vor stationärer Pflege, Schaffung Haushalts- naher Dienste
,,, Stärkung von Bewohner- und Patientenrechten in Einrichtungen
… gegen Zwangsmaßnahmen und willkürliche Heimeinweisungen
… Beseitigung von Altersarmut durch Mindestrente, orientiert an der
Mindestpension für Beamte
… gegen Einsamkeit Schaffung von Nachbarschafshilfen und Mehr-
Genegarationenprojekten
… Barrierefreie Teilhabe im öffentlichen Raum (Verkehr u. Behörden)
,,, Politische Mitsprache durch Senior:innen-Beiräte u. Heimbeiräte
Trude Unruh hatte seit 1987ein Bundestagsmandat bei der Partei
Die Grünen/Bündnis 90 ohne selbst Mitglied dieser Partei zu sein. Sie bezeichnete ihre Aufgabe
selbst als ein „Graue-Panther-Mandat“ mit Schwerpunkten Alten-Themen, Frauen-Altersarmut, Betreuungsrecht statt Entmündigung, Pflegerecht, Heimrecht. – Bald fand sie heraus, dass sie zwar diese Themen in der Öffentlichkeit platzieren konnte, das Finden von Verbündeten im Parlament sich aber schwierig gestaltete. Die etablierten Parteien zeigten wenig Interesse und die vielen jungen Mandatsträger:innen bei den neu gegründeten Grünen konnten die Tragweite noch nicht erkennen.
Immer mehr trat in den Vordergrund, dass ein „politischer Arm“ notwendig ist, um die
Angelegenheiten ins Parlament zu bringen und angeregt vom Erfolg der Grünen-Neugründung rief Trude Unruh 1989 (im Jahr der Wende) die Partei Die Grauen – Graue Panther ins Leben, die bei der nächsten Wahl 1991 schon antreten sollte.
Die Bemühungen um den SSB-Schwerpunkt „Aufklärung von Unwissen“ gingen auch weiter, für die Idee der Monatsschrift „Grauer Panther“ wurde der Klartext-Verlag gefunden und die Panther-Vereine wurden über die neuesten Entwicklungen ihrer Themenschwerpunkte laufend informiert.
Gleichzeitig wurde 1990 die Trude-Unruh-Akademie gegründet, um mit Seminaren und Vorträgen
die Vorstände der SSB-Vereine sozial-politisch zu bilden und ihnen ein solides Gerüst für ihre Arbeit vor Ort zu ermöglichen.
Die Etablierung der „Graue-Panther-Stiftung“(1990) war eine Art Vermächtnis von Trude Unruh. Die Idee war, dass das eher schmale Stiftungsvermögen mit der Zeit durch Zustiftungen von alten Menschen ohne Erben anwachsen sollte, um die Ziele der Stiftung wachsend zu verwirklichen, die Unterstützung von vorbildlichen Projekten in der Seniorinnen- und Senioren-Versorgung mit Blick auf die gleichzeitige Förderung der jungen Generationen.
All diese parallel laufenden Strukturen waren ideal um gesellschaftspolitische Prozesse in Gang zu bringen, Die Partei war zwar nicht auf Anhieb in den Bundestag gekommen, stand aber kurz vor
dem Sprung in Landtage. Trude war 2007 entschlossen, den Parteivorsitz in jüngere Hände zu legen. Kaum war das verkündet, erschütterte ein Parteispenden-Skandal die Graue-Panther-Bewegung. Da die Partei aufgrund der bescheidenen Verhältnisse ihrer Mitglieder und Unterstützer:innen – anders als bei ähnlichen Vorkommnissen bei den Groß-Parteien – die Geldbuße nicht bezahlen konnte, wurde sie per Beschluss der Mitglieder aufgelöst.


