Hundert Jahre Trude Unruh – Fünfzig Jahre „Graue Panther“ Sozialreformerische Wirksamkeit

Veröffentlicht am 13. September 2025

Festrede anläßig des Geburtsempfang in Berlin

Trude Unruh wäre in diesem laufenden Jahr 2025 am 7. März 100 Jahre alt geworden. Sie hat es aber nur bis Ende 2021 auf dieser Welt ausgehalten.

Ziemlich zur Halbzeit ihres Lebens hat sie unter dem Motto „Fröhlichkeit und Politik“ mit einer Gruppe sozial engagierter Menschen in Wuppertal einen „Senioren-Schutz-Bund“ gegründet, der schnell Bundesrepublik-weit Zulauf erhielt, da die Schwierigkeiten, alte Menschen würdig zu versorgen in allen Bundesländern gleichermaßen zu Tage traten.

Diese ungebärdigen  und kämpferisch auftretenden Alten, die mit beschissenen Betttüchern als Transparente vor Pflegeheimen gegen die unwürdige Versorgung der aller Rechte beraubten Bewohner:innen protestierten, erhielten alsbald von den Medien, allen voran der Presse, den Aktionsnamen „Graue Panther“ in Anlehnung an die grade in den USA aktive

Black Panther / Schwarze-Panther-Protestbewegung

Eine Jahres-Mitgliederversammlung des „Senioren-Schutz-Bund“ beschloss daraufhin, diese „Ehrenbezeichnung“ in den Vereinsnamen mit aufzunehmen.

Fünfzig kämpferische Jahre lagen also schon hinter Trude Unruh, die als gebürtige Essenerin als junges Mädel im Sekretariat der Waffenschmiede Krupp die Auslagerung nach Breslau mitmachte, für ihr „loses Maul“ damit bestraft wurde, nach Fliegerangriffen „Köppe von Todesopfern einzusammeln“ (Originalton Unruh) und der letztlich mit einem Fahrrad  die Flucht nach Niedersachsen gelang. Mit ihrem kriegsversehrten Ehemann erlebte sie die Teilhabe am westdeutschen Wirtschaftswunder  und konnte in verschiedenen politischen Parteien und Aktionsbündnissen Erfahrungen sammeln, wie man gesellschaftliche Prozesse anstoßen kann.

Aufgrund dieses Erfahrungsschatzes sollten die knapp formulierten Ziele des Senioren-Schutz-Bund (SSB) „Graue Panther“ e. V. sein

          Aufklärung von Unwissen

          Schutz vor Willkür

          Befreiung von Bevormundung

          und

von den Mitgliederversammlungen der vielfältig entstehenden Außenstellen des SSB überall im

 Land diskutiert und in spezifische einzelne Forderungen gefasst und abgestimmt werden. Danach  –  so Trude Unruh  –  müsse man Verbündete suchen, die auf politischer Ebene mitziehen, diese Reform-orientierten Forderungen zu verwirklichen.

Das Thema „unwürdige Versorgung stationär zu versorgender Menschen, in der Mehrzahl alter Menschen“ wurde Trude Unruh sozusagen in der eigenen Familie vor die Füße gelegt, als eine

Freundin ihrer Schiegermutter als Pflegefall regelrecht aus dem gesellschaftlichen Umfeld verschwand. Die zu Hilfe gerufene Trude spürte nicht nur die alte Dame auf und erforschte die

Möglichkeit für Besuche  sondern sie erkannte das Ausmaß des Skandals schon an diesem singulären Fall:

          … Kein gesetzliches Vertretungsrecht für mündige Erwachsene, die in

               Notsituationen keine Entscheidungen für sich selbst treffen können

          … Keine  Selbstbestimmung im Alter, bei Pflege keine Teilhabe mehr

          … Keine Generationengerechtigkeit:Ausspielung von Jung gegen Alt

          … Keine Mitsprache bei der Pflege und bei Heimrechten

Nach der damaligen Gesetzeslage wurden „aufsässige“ alte Menschen „entmündigt“ und hatten

 dann keinerlei Mitspracherechte mehr bei ihren eigenen Lebensangelegenheiten Da war viel zu

 tun!

Der Senioren-Schutz-Bund wurde mit seinen bundesweiten Außenstellen zur Graue-Panther-Bewegung, was in örtliche selbständige Vereine mündete, die bundesweit von einem Dachverband, dem Bundesverband Graue Panther e. V, vertreten wurden, der fortan die Kampagnen der selbständigen e.V. begleitete. Bis ins 85. Lebensjahr (2010) war Trude Unruh die Vorsitzende. Die Schwerpunkte waren:

… Vorrang von ambulanter vor stationärer Pflege, Schaffung  Haushalts- naher Dienste

,,, Stärkung von Bewohner- und Patientenrechten in Einrichtungen

… gegen Zwangsmaßnahmen und willkürliche Heimeinweisungen

… Beseitigung von Altersarmut durch Mindestrente, orientiert an der

     Mindestpension für Beamte

… gegen Einsamkeit Schaffung von Nachbarschafshilfen und Mehr-

    Genegarationenprojekten

… Barrierefreie Teilhabe im öffentlichen Raum (Verkehr u. Behörden)

,,, Politische Mitsprache durch Senior:innen-Beiräte u. Heimbeiräte

Trude Unruh hatte seit 1987ein Bundestagsmandat bei der Partei

Die Grünen/Bündnis 90 ohne selbst Mitglied dieser Partei zu sein. Sie bezeichnete ihre Aufgabe

selbst als ein „Graue-Panther-Mandat“ mit Schwerpunkten Alten-Themen, Frauen-Altersarmut, Betreuungsrecht statt Entmündigung, Pflegerecht, Heimrecht.  –  Bald fand sie heraus, dass sie zwar diese Themen in der Öffentlichkeit platzieren konnte, das Finden von Verbündeten im Parlament sich aber schwierig gestaltete. Die etablierten Parteien zeigten wenig Interesse und die vielen jungen Mandatsträger:innen bei den neu gegründeten Grünen konnten die Tragweite noch nicht erkennen.

Immer mehr trat in den Vordergrund, dass ein „politischer Arm“ notwendig ist, um die

Angelegenheiten ins Parlament zu bringen und angeregt vom Erfolg der Grünen-Neugründung rief Trude Unruh 1989 (im Jahr der Wende) die  Partei Die Grauen – Graue Panther ins Leben, die bei der nächsten Wahl 1991 schon antreten sollte.

Die Bemühungen um den SSB-Schwerpunkt „Aufklärung von Unwissen“ gingen auch weiter, für die Idee der Monatsschrift „Grauer Panther“ wurde der Klartext-Verlag gefunden und die Panther-Vereine wurden über die neuesten Entwicklungen ihrer Themenschwerpunkte laufend informiert.

Gleichzeitig wurde 1990 die Trude-Unruh-Akademie gegründet, um mit Seminaren und Vorträgen

die Vorstände der SSB-Vereine sozial-politisch zu bilden und ihnen ein solides Gerüst für ihre Arbeit vor Ort zu ermöglichen.

Die Etablierung der „Graue-Panther-Stiftung“(1990) war eine Art Vermächtnis von Trude Unruh. Die Idee war, dass das eher schmale Stiftungsvermögen mit der Zeit durch Zustiftungen von alten Menschen ohne Erben anwachsen sollte, um die Ziele der Stiftung wachsend zu verwirklichen, die Unterstützung von vorbildlichen Projekten in der Seniorinnen- und Senioren-Versorgung mit Blick auf die gleichzeitige Förderung der jungen Generationen.

 

All diese parallel laufenden Strukturen waren ideal um gesellschaftspolitische Prozesse in Gang zu bringen, Die Partei war zwar nicht auf Anhieb in den Bundestag gekommen, stand aber kurz vor

dem Sprung in Landtage. Trude war 2007 entschlossen, den Parteivorsitz in jüngere Hände zu legen. Kaum war das verkündet, erschütterte ein Parteispenden-Skandal die Graue-Panther-Bewegung. Da die Partei aufgrund der bescheidenen Verhältnisse ihrer Mitglieder und Unterstützer:innen  – anders als bei ähnlichen Vorkommnissen bei den Groß-Parteien  –  die Geldbuße nicht bezahlen konnte, wurde sie per Beschluss der Mitglieder aufgelöst.

 

Das war Zweifels-ohne ein Tiefpunkt für die Graue-Panther-Bewegung denn die SSB-Arbeit sollte ja weitergehen und sie ging auch weiter, aber der Spenden-Skandal der Partei wurde mit dem Senioren-Schutz-Bund in Verbindung gebracht und hat dessen Arbeit sehr geschadet. Bei

öffentlichen Veranstaltungen schlug es uns entgegen, die Menschen waren verletzt bis bitterböse: Wen sollen wir jetzt wählen? Wer weiß was sonst bei Euch los ist?

Auch bei der Stiftung nahmen die anfänglichen Zustiftungen nun ab statt zu.

Eine Umbenennung in Trude-Unruh-Stiftung (was Trude selbst  n i c h t gewollt hatte) brachte auch keine wirkliche Besserung. Die Trude-Unruh-Akademie musste auch aufgelöst werden. Die Stiftung soll unter dem Dach  einer größeren ihre Eigenständigkeit erhalten.

Müssen wir also nach 50 Jahren Graue Panther eine Negativ-Bilanz ziehen?

N e i n  d a s  m ü s s e n  w i r  n i c h t.                                        

Auch ohne die Person Trude Unruh ging die Vereinsarbeit und die Arbeit des Dachverbandes

lückenlos weiter und das im Sinne von Trude Unruh.

Nach wie vor stehen wir für basisnahe Selbsthilfe und medienwirksame Aktionen, wo es sich ergibt mit Verbündeten (Beispiel Krankenhausreform).

Auf dem Gebiet der Pflege ist noch Vieles verbesserungsbedürftig, aber die Mehrbettzimmer aus Trudes Zeiten sind verschwunden und genauso die

wasserdichten Mülltüten um die Unterkörper der Pflegepatienten wegen ihrer Ausscheidungen. – Diie öffentliche Skandalisierung von schlimmen Zuständen in Pflegeheimen ist die sicherste Methode für schnelle Abhilfe.

Die Wirksamkeit der angestoßenen gesellschafts-reformerischen Prozesse sind in den 50 Jahren Graue Panther sichtbar geworden. Senioren:innen-Rechte sind in Deutschland gesellschaftlich anerkannte Themen und sie sind politisch relevant, verstärkt durch den Demographie-Faktor.

Trude Unruh stieß auch als Abgeordnete das heutige Betreuungsgesetz an, das Unterstützung und Mitspracherechte der nicht mehr Entscheidungs-Fähigen vorsieht statt der früheren Entmündigung bei völliger Entrechtung,

„Dafür konnte ich einen Justizminister als Verbündeten gewinnen“, sagte sie immer voller Stolz, aber kaum war das Gesetz durch, „da musste ich feststellen, dass die meisten Menschen u

nter Betreuung etwas anderes verstehen, als gesetzlich gemeint ist. Die betroffenen Menschen

brauchen einen Beistand, es hätte Beistandsgesetz heißen müssen!“

Eng mit den Auswirkungen dieses Gesetzes, waren dann die Entwicklungen der Strukturen der Patientenverfügungen und Vorsorgeverfügungen verbunden, wofür heute Formulare vom

Justizministerium im Internet zu finden sind.

Indem wir so mit den gesellschaftlichen Veränderungen mitgehen und unsere

Pantherhaltung dazu verbreiten, werden wir außerparlamentarisch weiterhin für Jung und Alt wirksam sein. Betroffen sind „Heute wir und morgen ihr.“ 

                                                         ______

Gez. Jutta Jaura (visdp)                                       September 2025

Archiv